PESSO-Therapie


Einzeltherapie
(Dieser Aufsatz wendet sich vor allem an Fachkollegen, die bereits ein wenig mit Pesso-Therapie vertraut sind und sich für die Möglichkeit der Anwendung in der Einzeltherapie interessieren)

EIN BERICHT AUS DER PRAXIS

Aus P E S S O BULLETIN Nr. 9/ 2003 Seite 13-18

Pesso-Therapie ist eine Gruppentherapie, gleichzeitig auch ein Denkmodell der Entstehung, Aufrechterhaltung und Therapie von psychischen Störungen und Traumata, ein theoretisches Modell, das mit den Ergebnissen der modernen Hirnforschung übereinstimmt (DENEKE 2001), und das durch die Annahme eines genetischen Gedächtnisses unsere biologische Basis miteinbezieht. Vor allem hält es  durch den Antidot ein Heilungsmodell bereit, das auf der Wirkung symbolischen Erlebens aufbaut, die ebenfalls durch die moderne Hirnforschung bestätigt wird (etwa bei DENEKE: die Wirkung "virtuellen Erlebens", oder HANSER 2002).

In meiner nun 30jährigen Erfahrung als Psychotherapeutin mit verschiedenen Therapiemethoden (Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie) hat sich PBSP als das mir am meisten einleuchtende und effizienteste Modell erwiesen. Ich arbeite seit 8 Jahren mit 1-2 fortlaufenden Pesso-Therapie-Gruppen. Und nachdem ich in meinen Gruppen hinsichtlich der Effizienz von Pesso-Arbeit so gute Erfahrungen gemacht hatte, suchte ich nach Wegen, das Pessotherapie-Modell auf die Einzelarbeit zu übertragen.

Dass dies sinnvoll möglich ist, belegen auch die Artikel von CLARKE und CHAVES 1991, GOOSS 1996, VAN HAVER 1996, SCHWIETERT 1996. VAN HAVER reflektiert in seinem Artikel "The use of PBSB in individual therapie", welche PBSB-Elemente in der Einzeltherapie angewandt werden können und kommt zu dem Schluss: "...that the application for many elements is identical for individual therapie and group therapy and does not need any discussion" (S.277) oder, mit anderen Worten vereinfacht ausgedrückt: im Grunde ist alles in der Einzeltherapie genauso wie in der Gruppe, der einzige Unterschied ist der, dass die Gruppe fehlt, also menschliche "Mitspieler", die mit ihrem Körper und mit ihrer Stimme als Projektionen tragende Personen zur Verfügung stehen.

Und genau hier liegt das Problem: es bleibt nichts anderes übrig, als die fehlenden Menschen durch Gegenstände als Projektionsträger zu ersetzen; Problem dabei: diese nun haben weder Stimme noch Körper. Der einzige im Raum, der - außer dem Klienten - Stimme und Körper besitzt, sollte, wegen der Gefahr  einer allzu intensiven Übertragung , nicht selbst Rollen übernehmen.

Die Grundfrage ist also: wie kann ich das Pesso-Modell in der Einzeltherapie so modifiziert anwenden, dass das Grundkonzept gewahrt und die heilende Wirkung erreicht wird. Wenn ich im Folgenden zu diesem Thema die Erfahrungen und Reflexionen meiner Arbeit mit PBSP darstelle, geht es mir dabei weniger um theoretische Überlegungen - die vor allem im Zusammenhang mit der Hirnforschung interessant wären - sondern um die praktische Übertragung des für die Gruppentherapie entwickelten Modells auf die Einzeltherapie.

VORAUSSETZUNGEN FÜR PESSO-ARBEIT IN DER EINZEL-THERAPIE
- Vorstellungsfähigkeit
- Fähigkeit in Symbolen zu denken und
- zwischen real und symbolisch zu unterscheiden
- Fähigkeit zur Körperwahrnehmung
- Genügender Realitätsbezug

Indikation für Psychomotorische Arbeit in der Einzeltherapie

Es wäre verfehlt anzunehmen, man könne bei jeder Problemstellung und mit jedem Patienten zu jeder Zeit Pesso-Arbeit in der Einzeltherapie machen. CLARKE und CHAVES führen aus, dass sie bei ihren Klienten folgende Fähigkeiten überprüfen, um zu sehen, ob die Voraussetzungen für Psychomotorische Therapie erfüllt sind:

1. Die Bereitschaft mit Symbolen zu arbeiten

"...I test for the level of readiness of the client to project on objects in the therapy room the symbolic meaning of thoughts, fantasies, dreams" (S. 222). Dabei gibt es nach meiner Erfahrung bei dieser Fähigkeit enorme inter-subjektive Unterschiede der Lebhaftigkeit der Vorstell-ungsfähigkeit bis hin zu massiven Widerständen. So kann man empört oder süffisant lächelnd hören: "Ich rede doch nicht mit Kissen!" Das kann man nur zur Kenntnis nehmen und respektieren.

2. Es ist zu prüfen, ob der Patient in der Lage ist, die Arbeit auf der symbolischen Ebene für sich nutzbar zu machen. CLARKE und CHAVES testen dies, indem sie schauen, ob der Klient in der Lage ist sich z.B. eine andere Erfahrung vorzustellen als die, die er erlebt hat, also eine "ideale Mutter", die anders gewesen wäre. Dies ist eine Voraussetzung, um korrektive Erfahrungen auf der symbolischen Ebene in der Antidot- Szene machen zu können.

Darüber hinaus scheint mir wichtig zu sein, ob der Patient differenzieren kann zwischen der Realität und dem Als-ob und ob er dennoch das Als-ob wie real erleben kann, wissend um den symbolischen Gehalt. Ist das nicht gegeben: Vorsicht!

3. Kann der Patient zwischen "Innen" und "Außen" unterscheiden? Wenn nein, Vorsicht! Ebenso bei stark paranoiden Ängsten.

4. CLARKE und CHAVES betonen des weiteren die Fähigkeit zur Körperwahrnehmung (body awareness), die sie ebenfalls im Vorfeld abklären.

5. Spricht die Art der Problemstellung für Pesso-Psychotherapie? Ist zum Beispiel erkennbar, dass der Klient auf Alltagsereignisse mit überstarkem Affekt reagiert, so dass man ängstigende, verletzende, defizitäre Erfahrungen im Hintergrund annehmen kann? (Im Gegensatz hierzu etwa: Ein Student kommt wegen Leistungsversagen und Prüfungsangst. Es stellt sich heraus, dass er über keinerlei vernünftiges Arbeitsverhalten verfügt und nicht weiß, wie man ein Buch durcharbeitet. In diesem Fall wäre zunächst - vor allem wenn der Prüfungstermin näher rückt - VT mit Aufbau von Arbeitsverhalten indiziert.)

6. Frage: Ist Psychomotorische Therapie angesichts des Therapieverlaufes möglich und angesagt? Ich denke an eine Klientin, bei der die Grundlage ihrer Schwierigkeiten ganz offensichtlich frühe Defizite waren. In den ersten 20 Stunden brachte sie sich Aufzeichnungen mit. Sie fühlte sich offensichtlich so verloren in dieser Welt, dass ihr ihre Notizen Halt gaben, an denen sie sich im wortwörtlichen Sinne (mit den Händen) festhielt. Erst nachdem das Vertrauen der Klientin gewachsen war, legte sie zunächst die mitgebrachten Notizen unter den Stuhl, später legte sie die Notizen gleich ab ohne weiter auf sie einzugehen und konnte sich zunehmend auf "freie" Arbeit einlassen. Erst in der dreißigsten Sitzung war eine Pesso-Struktur möglich. Ab dann konnten wir weiter (erfolgreich) mit Pesso-Therapie arbeiten.

7. Annahme und Verstehen des Pesso-Therapie-Konzepts durch den Klienten. Eine sehr wichtige Voraussetzung für Pesso-Arbeit ist, dass ein Klient die Pesso-Therapie-Theorie und das methodische Vorgehen, durch welches sich das Befinden in der und die Sicht auf die Welt verändern kann, verstehen (lernen) kann, dass ihm das Konzept einleuchtet und er sich auf diese Form der Arbeit - mit allen Implikationen - einlassen kann und möchte. Geht der Klient von andern Behandlungserwartungen aus, kämpft man gegen Windmühlen.

Mein Vorgehen, wie ich diese Voraussetzungen abkläre, ist ganz unterschiedlich. Manchmal erkläre ich das Pesso-Konzept im Erstgespräch, der Klient ist davon angetan und wir können in der ersten Therapiestunde damit einsteigen. Meist jedoch läuft es nicht so bilderbuchmäßig. Jeder Klient ist anders, hat andere Erwartungen, Vorstellungen, Bedürfnisse, und die Pesso-Therapeutin muss ihm ihr Verständnis davon in PBSP-Termini zu erklären versuchen. Das kann eher zu Beginn in einem Stück oder im Zuge von ersten Probe-Erfahrungen geschehen: 

Wenn ich zur Einschätzung gekommen bin, Pesso-Therapie könnte indiziert sein , lasse ich an Stellen, die mir dafür passend erscheinen, einen Versuchsballon steigen, indem ich zum Beispiel aus der Erzählung des Klienten heraus innere Stimmen benenne, oder den Zeugen etwas sehen lasse oder die Vision eines Idealen Vaters in den Raum stelle und bei dieser Gelegenheit, je nach dem, wie es sich sinnvoll anbietet, diese Fragmente bzw. die ganze Theorie mitsamt den Fragmenten erkläre und beobachte, wie der Klient darauf reagiert. Das gleiche Vorgehen praktiziere ich auch in Bezug auf die Verwendung von Objekten als Projektionsfläche. Stoße ich auf zu viel Widerstand oder Unverständnis, nehme ich meinen Versuchsballon zurück ohne gram zu sein. Auch andere Therapiemethoden haben ihren Sinn und ihre Wirkung.

ERKLÄRUNG, EINFÜHRUNG IN DAS SYSTEM 

Die Theorie von Pesso erkläre ich vor allem ausführlich in den Punkten der Gedächtnistheorie, ich sage etwa folgendes:

"Pesso unterscheidet zwei Formen des Gedächtnisses. Das eine ist das genetische Gedächtnis, und das andere das persönliche Gedächtnis. Das genetische Gedächtnis ist das, was wir mit auf die Welt bringen, und zwar die Vorstellung davon, wie das Leben hier auf dieser Erde für uns zu sein hat, dass es sinnvoll, erfüllend und lebbar ist. Beispiel: Das Kind kommt auf die Welt und es weiß, dass dort eine Mutter sein sollte, die eine Brust hat, die es nährt, die es schützt, die es hält. Leider ist es nun nicht so, dass wir alle, wenn wir auf diesen Erdball kommen, optimale Bedingungen vorfinden. Mütter sind depressiv und mit sich selbst beschäftigt, Kinder sind unerwünscht, Väter sind abwesend usw. Das Kind muss also andersartige Erfahrungen machen als das, was es benötigt und was für es ideal wäre. Diese andersartigen Erfahrungen in Form von Schmerzen, Defiziten, Frustrationen speichern sich in unserem persönlichen Gedächtnis. Es sind unsere Erfahrungen, wie diese Welt ist und was wir von dieser Welt zu erwarten haben. Diese Erfahrungen nun sind wie eine Linse, durch die wir die Welt sehen und auf diese Welt reagieren." An diesem Punkt schaue ich dann meist, ob alles verstanden worden ist und ob noch Fragen sind, und gehe je nach persönlichem Background weiter. Jetzt könnte ich z.B. die Notwendigkeit von Idealen Eltern einführen, etwa so: "Die Seele weiß ganz genau auf Grund des genetischen Gedächtnisses, was sie eigentlich gebraucht hätte.

Meist sucht man dies später bei anderen Menschen, dem Partner, der Partnerin, erfolglos, da Partner keine Idealen Eltern sind und Heilung auch nur gelingt, wenn die Auffüllung des Defizits auf der gleichen Altersstufe, in der das Defizit entstanden ist, erfolgt. Hier in der Therapie haben wir dazu die Möglichkeit, indem wir Ideale Eltern kreieren, Eltern, die einem genau das gegeben hätten, was man gebraucht hätte. Die Idealen Eltern sind dabei kein Ersatz für die realen Eltern, auch keine bessere Form der realen Eltern, sondern sie sind frisch erfunden. Die realen Eltern konnten es einem nicht geben, das war so. Aber man kann, neben die alte Gedächtnisspur, jetzt ein neues Gedächtnis schaffen, wo man genau das gehabt hätte, was man gebraucht hätte. Von diesem neu geschaffenen Hintergrund aus wird ein anderes Welterleben und ein anderer Zugang auf die Welt möglich."

Dies ist meiner Ansicht nach das Kernstück der Theorie für die Einzelarbeit, und ich prüfe, ob dies einleuchtet. Dann frage ich meine Klienten, ob sie Lust hätten, mit dieser Methode zu arbeiten. Die anderen Elemente wie den Zeugen, die inneren Stimmen, die Kontaktperson usw. erkläre ich oft erst während der Arbeit, manchmal auch schon am Ende der Theorie. Ich denke es ist ganz wichtig mit dem Klienten in den gleichen Denkraum zu kommen. Psychotherapie spielt sich ja auch immer in einem Denksystem ab, und es ist wichtig, sich mit dem Klienten im gleichen Denkraum zu befinden.

In der Einzeltherapie ist eine explizite Erklärung wichtig. In der Gruppentherapie sehen die Leute über das Miterleben der Strukturen von anderen, wie das Ganze läuft, und das Pesso-Denksystem bildet sich in ihnen implizit. 

Meine "Mitspieler" in der Einzelarbeit sind ca. zwanzig Kissen verschiedener Größe, Farbe, Textur, eine große und? eine kleine Decke, zwei mittelgroße Matratzen. Anders als CLARKE und CHAVES habe ich weder Teddybären, noch Figürliches. Gegenstände, die bereits Bedeutungen tragen, bleiben mit diesen Bedeutungen eher kontaminiert als "neutrale Objekte".

Als ganz wesentlich haben sich Unterlagen erwiesen. Ein Hocker in Sitzhöhe, auf den Ideale Eltern oder der Zeuge oder eine Kontaktperson platziert werden können, leistet mir gute Dienste. Die Platzierung im Raum, wobei auch die richtige Höhe ein wichtiges Element ist, ist konstitutiv für Pesso-Arbeit. So ist mein Raum auch mit verschiedenen Sitzelementen unterschiedlicher Höhe ausgestattet. Die Fensterbank ist wichtig: wenn Klienten nach draußen schauen, ins Jenseits, ins Universum, muss dort das Kissen platziert werden können, das in der Rolle des "Universums" ist. Ein Deckenbalken dient oft als Platzierungsunterlage für alles, was von oben kommend erlebt wird: Gott, Polarstern, Tote. Mit den Decken kann man jemanden einwickeln, sodass er Containing verspürt, aber sie können auch Schutz geben, sie dienen zur Abgrenzung, auch um Räume zu gestalten: "Meine Heimat, das Totenreich" usw. Ebenso können sie Grenzen markieren.

Ich achte sehr darauf, dass die Objekte, die in den verschiedenen Rollen sind, in Bezug auf die Sitzposition des Klienten von seinem Erleben her richtig platziert sind. Richtiger Ort, richtige Höhe. Stimmen z.B. kommen oft von hinten oben und der Klient weiß genau, welche Stimme von rechts und welche von links kommt. Die der inneren Vorstellung entsprechende richtige Platzierung bewirkt, dass der Klient, da er nicht mit Unstimmigkeiten der räumlichen Anordnung zu kämpfen hat, leichter und eleganter seinem inneren Prozess folgen kann. Oft holen sich die Klienten selbst die Kissen und legen sie in den Raum. Habe ich den Eindruck, es stimme nicht ganz, frage ich nach und korrigiere, indem ich das Kissen nehme und sage: "Bleiben sie sitzen und spüren sie von ihrer Position aus, wo genau dieser XY platziert sein müsste", und dann lege ich das Kissen auf den exakten Platz. Die richtige Platzierung könnte dafür sprechen, dass man als Therapeut die Kissen holen sollte, was ich jedoch nicht unbedingt mache. Man kann dadurch leicht in eine schräge Rolle kommen. Der Klient deutet und ich springe. So lasse ich oft die Klienten die Kissen holen, korrigiere wenn es unstimmig erscheint, scheue mich aber auch nicht, Stühle zu rücken und Kissen herbeizuholen.

Die Prozedur des "Entlassens" der Gegenstände aus den Rollen nach Beendigung einer Struktur mache in jedem Falle ich als Therapeutin. Der Klient soll das Erleben des positiven Endes, die Wohltaten der Idealen Eltern als inneres Bild halten und festigen, ein Integrationsprozess, der normalerweise nach Beendigung der Struktur weitergeht und nur gestört würde, wenn der Klient die Kissen selbst aus den "Rollen" entlassen müsste, abgesehen davon, dass es nur kontraproduktiv sein kann, wenn er - eine Ideale Mutter integrierend - den Negativen Aspekt der realen Mutter noch einmal in die Hand nähme und sich damit vergegenwärtigen würde. Ich habe mir also gut gemerkt, welches Kissen in welcher Rolle war, nehme das Kissen, schüttele es leicht und sage: "Das geht jetzt aus der Rolle von sowieso und ist wieder ein Kissen". Dann lege ich die Kissen wieder an den alten Platz. Sehr negative "Rollen" lege ich außerhalb des Blickfeldes des Klienten. 

ANWENDUNGSMÖGLICHKEITEN DER PESSO-THERAPIE IN DER EINZELARBEIT

MÖGLICHKEITEN, GRENZEN, VARIATIONEN

Schwierigkeiten, die sich aus dem Fehlen von Personen ergeben.
Hilfsmöglichkeiten

Naturgemäß schwierig in die Einzeltherapie umzusetzen ist die Interaktion. Erinnern wir uns an die Formel von Pesso: Energie - Aktion - Interaktion - Bedeutung, so ist dieser Prozess vor allem, wenn denn der Therapeut als ganze Person nicht in Rollen gehen soll, teilweise gar nicht, teilweise nur rudimentär, verkürzt oder mit Hilfsmöglichkeiten- und mitteln umzusetzen. GOOSS: "Not really a disadvantage but more a difficulty I ran into...was to follow the line energy - action - interaction. I ended up in missing group, space and the role players to put the material in scene. Maybe from these situations resulted the strongest impulse to develop specific adaptations of PBSB elements for the one-to-one setting" (S. 261)

Spezifische Anpassungen der Interaktion für die Einzeltherapie: Interaktionen können über Gegenstände und Vorstellungen (rudimentär) möglich sein. Man kann mit seinen Fäusten gegen eine Matratze schlagen, mit den Füßen gegen ein Kissen treten, Spannung im Mund durch ein Handtuch, das zwischen die Zähne genommen wird, spüren.

Meine Erfahrung ist, dass sich Schutz relativ gut in der Einzeltherapie simulieren lässt. Ein Kissen auf den Bauch (meist eine Ideale Mutter), eine Decke von hinten über die Schultern gelegt, die den Rücken bedeckt und bis über die Arme nach vorne gelegt ist (meist ein Idealer Vater) scheinen glaubhafte Simulatoren für Schutz zu sein, verbunden natürlich mit den jeweils treffenden Sätzen: "Wenn ich damals als dein Idealer Vater da gewesen wäre, hätte ich dich geschützt, dir Rückhalt gegeben, usw." Wichtig hierbei: Bei einem Defizit an Schutz müssen die Kinder lernen, sich mit ihren unzureichenden Kräften selbst zu schützen. Um diese alte, negative Erfahrung nicht zu wiederholen, achte ich als Therapeutin darauf, dass der Schutz gegeben wird, dass sich also der Klient nicht selber die Decke holt und um sich legt (analoge Wiederholung der alten Erfahrung), sondern dass ich sie ihm umlege.

Selbst-Selbst-Interaktionen, also Kontakte, bei denen man sich selbst etwas "tut", was ein anderer einem "tun" sollte (Streicheln z.B.) oder was man an einem anderen "tun" möchte (ihn streicheln z.B.) können oft, aber nicht immer an Hand eines Kissens in der Rolle einer Kontaktfigur exploriert werden. Die Therapeutin kann dem Rollen spielenden Objekt und somit der Kontaktfigur Hände und wiederum Sprache verleihen.Auch Erfahrungen mit Partialfiguren sind auf diese Weise möglich. Sind z.B. Gefühle sehr heftig und durch fehlende Unterstützung seinerzeit nicht in das Ich integriert, brauchen sie Containing, Halt von außen, nach Pesso im wörtlichen Sinn. Im Einzelsetting kann ich für einen Klienten, der von seinen Gefühlen überwältigt zu werden droht, eine Halt gebende Figur erfinden. Nimmt er sie an, kann vielleicht eine Wolldecke in diese Rolle treten. Bei genügend Klärung kann ich der Figur meine Hände leihen, damit z.B. die vom Schluchzen vibrierenden Stellen eine Berührung bekommen. Immer kann ich auch in Worten ausdrücken, was die Figur tun oder sagen würde. Durch die symbolische Anwesenheit der Partialfigur werden jedenfalls die Gefühle validiert.

Am meisten fehlen die lebendigen Rollenspieler, wenn Ideale Figuren eine Grenze bilden sollten, an der der Klient seine volle Kraft ausprobieren und wirklich erleben können sollte, also beim Bedürfnis nach Limitierung. Eine Hilfsmöglichkeit liegt im Pars pro toto, also einem Setzen des Teiles für das Ganze. Ich mache mit dem Klienten die "Limitierungsübung mit einer Hand", damit er einen Geschmack von der Freude bekommen kann, die man empfindet, wenn man dank genügendem Widerstand seine Kraft spüren kann. Die Essenz einer solchen Erfahrung lässt sich dann als Vorstellung in eine Struktur einbauen. Möglich ist auch hier verbale Limitierung. Ein Klient hatte einen schwachen, nachgiebigen Vater, der nie Grenzen setzte. Einen Idealen Vater haben wir dann als stark und selbstbewusst ausgemalt, der gesagt hätte: "Ich hätte nicht zugelassen, dass du das und das machst."

SOLL MAN ALS THERAPEUT IN EINE ROLLE GEHEN?

Alle genannten Autoren folgen an diesem Punkt dem Rat Pessos: Besser nicht! Denn trotz der klaren Differenzierung, die sich in den Psychomotorischen Szenen ergibt, ist der Verlust der Symbolebene und die Verwechslung mit der Realbeziehung zu befürchten, sobald der Therapeut im Einzelsetting mit seinem Körper in der Idealszene eine Rolle übernimmt. Und wenn ja, dann nur rudimentär, oder im Ausnahmefall. Man "leiht" der Idealen Mutter, die vorher durch einen Gegenstand eine Projektionsfläche erhalten hat, die Hand. CLARKE und CHAVES: "In this manner, I remain the therapist as a total person, having only a part of me used as a symbol." (S.280)

Wenn menschlicher Kontakt unerlässlich ist, z.B. bei der Begleitung einer Regression auf eine sehr frühe Stufe, schließe ich mich der Auffassung von CLARKE und CHAVES an, lasse ein Kissen in die benötigte Rolle, meist die Rolle einer Idealen Mutter, wählen und "leihe" dann meine Hand. Hier wieder ein Kissen zu nehmen als Ersatz für die Mutter könnte eine Wiederholung der traumatischen Erfahrung bedeuten und die Omnipotenz-Gefühle ("niemand außer mir selbst kann wirklich zu mir schauen") nähren. Auch wenn sich die Berührung auf die Hände beschränkt und die umfassendere Interaktion auf der Vorstellungsebene ergänzt werden muss, ist eine komplette, intensive und integrierbare Körpererfahrung möglich (wird auch von GOOSS bestätigt, S. 264).

Meine Stimme dagegen leihe ich häufig und freimütig aus, jedoch nie ohne die Szene und die Figur zu benennen, der sie im Augenblick gerade gehört.  

PROBLEME, DIE SICH AUS DER IN DER EINZELTHERAPIE GEFORDERTEN ZEITBEGRENZUNG ERGEBEN

Natürlich ist es nicht immer möglich, dass in den in einer Einzeltherapiestunde vorgegebenen 50 Minuten eine Struktur mit einem befriedigenden Antidot "rund" werden kann. (Das gelingt auch in der Gruppe nicht immer, aber hier kann man die Zeit überziehen im Gegensatz zur Einzelsitzung, wenn der nächste Patient bereits wartet.)

Dass eine Struktur von selbst gleich in den ersten Minuten einer Sitzung beginnt, ist erfahrungsgemäß eher die Ausnahme. Dies lässt sich aber herbeiführen, indem man den Klienten in die Planung der Therapiestunde mit einbezieht. Ein Klient berichtet z.B. von aktuellen Spannungen mit seiner Ehefrau. Ich frage ihn: "Möchten Sie sich das heute auf der Interaktionsebene anschauen, indem wir z.B. Ihre Frau im Rollenspiel "hier herholen", den Konflikt nachspielen und schauen, was Sie und ihre Frau erleben und was man besser machen könnte, damit die Spannungen sich verringern, oder möchten Sie Ihren Teil, warum Sie das so erregt, auf Ihrem persönlichen Hintergrund, also mit Pesso-Arbeit anschauen?" In diesem konkreten Falle entschied sich der Klient für die erste Möglichkeit, da der Konflikt aktuell sehr belastend war. In einer der nächsten Stunden wollte er seinen überstarken Affekt durch Pesso-Arbeit besser verstehen.

Darum wissend, dass wir die Struktur in der nächsten Woche genau an dem Punkt, wo sie stehen geblieben ist, fortsetzen können, verwende ich zum Beenden der nicht vollendeten Struktur die Methode der Intellektualisierung, damit das emotional erlebte Negative der "alten Geschichte" nicht negativ weiterwirkt sondern von der Emotion weg ins Kognitive transportiert wird. Ich habe eine große Uhr in meinem Blickfeld und schätze zehn Minuten vor Ende der Stunde ab, ob eine Struktur so weit gediehen ist, dass der Klient einen Antidot annehmen kann. Scheint dies nicht der Fall zu sein, versuche ich mit dem Klienten kognitiv eine Bestandsaufnahme dessen zu machen, welche Ereignisse mit welchen Folgen wie auf seine Seele gewirkt haben. Die Szene einschließlich des emotional Erlebten wird in einer kognitiven Struktur niedergelegt. So wird nicht jemand inmitten seiner "alten Geschichte" entlassen, die ihn sonst emotional überwältigen könnte. Wir vereinbaren, dass wir an diesem Punkt in der nächsten Sitzung weiterarbeiten. Außerdem versuche ich die Option von Idealen Eltern in die Vorstellung zu holen, male aus was diese vielleicht getan und gemacht haben könnten, so dass der Klient zumindest einen Vorgeschmack einer und damit die Hoffnung auf eine mögliche Lösung bekommt. Die darauf folgende Sitzung versuchen wir gleich mit der Aufstellung der letzten Szenen zu beginnen und haben nun genügend Zeit, einen passenden Antidot zu finden.

DURCHFÜHRUNG EINER STRUKTUR IN DER EINZELTHERAPIE

Nachdem ich nun für einzelne Details konkrete Hilfsmöglichkeiten und durch das Fehlen von Personen notwendige Variationen in der Einzelarbeit dargestellt habe, möchte ich am Schluss das Vorgehen in der Durchführung einer ganzen Struktur in der Einzeltherapie holzschnittartig umreißen.

Setzen wir voraus, dass alle Indikationskriterien erfüllt sind. Die Stunde beginnt damit, dass der Klient, nachdem er Platz genommen hat, zu berichten beginnt, mit was in seinem aktuellen Leben er nicht fertig wird. Ich beginne möglichst bald mit dem Microtracking. Der Zeuge sieht die Gefühle und benennt sie im jeweils konkreten Zusammenhang, die inneren Stimmen werden geortet, benannt, als Kissen in den Raum geholt, so dass der Klient relativ rasch ins Zentrum seiner inneren Wahrheit kommt, die True scene (emotionale Wahrheit) sich darstellt. Ich merke mir genau, was die Stimmen gesagt haben, denn hier liegt oft schon der Schlüssel für den Antidot.

Die True scene wird ebenso wie die Historische Szene in Form von Kissen im Raum inszeniert. Ist die Historische Szene deutlich gefühlt und durchlebt, und gibt der Klient "Sehnsuchtszeichen", so beginnen wir uns danach umzusehen, wie Ideale Eltern hätten gewesen sein müssen (was sie getan und was sie gesagt hätten). Auch dies inszenieren wir mit Hilfe von Kissen, arrangieren die richtige Stellung in Bezug zum Klienten und ich leihe den Idealen Eltern meine Stimme. Stimmt der Antidot, kommt es oft zu einer tiefen Erleichterung. Der Klient behält nun dieses innere Bild in sich und integriert es, während ich die Kissen aus den Rollen entlasse.

Auch wenn der körperlich praktizierte direkte Körperkontakt dadurch, dass menschliche Mitspieler fehlen zu kurz kommt: tiefe verändernde Erfahrungen sind mit Kissen als Projektionsflächen auf der Vorstellungsebene und auch auf der Körperebene in der Vorstellung möglich.


Literatur:

CLARKE Carl Telles and CHAVES Doris: Using Psychomotor in Private Practice with Individual Clients. In: PESSO Albert and CRANDELL John (Hsg.) (1991) Moving Psychotherapy. Theory and Application of Pesso System/ Psychomotor Therapy, S. 219 — 232

DENEKE Friedrich-Wilhelm (2001) Psychische Struktur und Gehirn

GOOSS Birger: Techniques, gains and difficulties in applying PBSB concepts to individual Therapy. In: HOWALD Martin (Hsg.) (1996) Proceedings of the 3rd Int. PBSP Conference. Basel, S.261-265

HANSER Hartwig: Aktiver Gehirnschutz. Fernseher aus! In: Spektrum der Wissenschaft. Das Magazin für Hirnforschung und Psychologie (2002 Nr. 2) S. 35

VAN HAVER Willy: The use of PBSB in individual therapy. In: HOWALD Martin (Hsg.) (1996) Proceedings of the 3rd Int. PBSP Conference. Basel, S.277-281

PESSO Albert (1973) Dramaturgie des Unbewussten. Klett

SCHWIETERT Christa: One to one therapy with PBSB elements. In: HOWALD Martin (Hsg.) (1996) Proceedings of the 3rd Int. PBSP Conference. Basel, S.267-273


Aus P E S S O BULLETIN 9/ 2003

Interview mit Almuth ROTH-BILZ

P E S S O BULLETIN: Was hat Dich als Gestalttherapeutin, Verhaltenstherapeutin und Ausbilderin und Dozentin in Gesprächs-Psychotherapie zur Pesso-Therapie geführt?

Almuth: Ein allgemeines Unbehagen, das ich mit den bis dahin gelernten Therapieansätzen hatte. Rogers spricht zwar vom "organismischen Erleben" aber die Theorie war mir zu wenig elaboriert an der Stelle, die den Zusammenhang zwischen Körper und "Seele" betrifft. Das schmälert nicht die Genialität von Rogers und seinem Werk. Die Haltung dem anderen Menschen gegenüber, die geprägt sein soll von Wertschätzung und bedingsloser Annahme halte ich nach wie vor für eine Grundbedingung von Psychotherapie. Aber ich ging auf die Suche nach einer Methode, die "tiefer" geht und den Körper miteinbezieht. 1979/80 habe ich dann noch eine Gestaltausbildung bei Erv und Miriam Polster in USA gemacht. Auf Albert Pesso aufmerksam gemacht hat mich Tilmann Moser, mein Praxiskollege. 

P E S S O BULLETIN: Was hat Dir bei Pesso besonders gefallen?

Almuth: Nach dem ersten Workshop 1991 bei Al war ich sehr angetan, nicht so sehr primär von der Theorie, die ich nach dem ersten Workshop ja noch gar nicht abschätzen konnte, sondern von der Art, wie Pesso Therapie machte: Liebevoll und dennoch abgegrenzt, in einer guten Distanz zum Klienten, dadurch sehr klar und voller Respekt. Eine Distanz, in der der Klient sich dennoch nicht alleine gelassen fühlt. Diese therapeutische Haltung von Al hatte mich so überzeugt, daß ich mich entschloss, die Pesso- Psychotherapieausbildung zu machen. Ich hatte mir in anderen Workshops andere Körpertherapiemethoden angeschaut, in denen eben diese Distanz fehlte. 

P E S S O BULLETIN: Welche Zukunftspläne, vielleicht auch Träume verbindest Du mit der Pesso-Arbeit?

Almuth: Es fasziniert mich, wie man das, was in der Pesso-Arbeit geschieht, neurobiologisch erklären kann. Eine Vision ist die Verknüpfung von neurobiologischer Forschung und Pesso-Therapie. Ich denke, dass sich durch Neurobiologie und Hirnforschung auch das gesamte Theoriefeld der Psychotherapie verändern wird. Vielleicht ist Pesso-Therapie dann eine Psychotherapiemethode der Zukunft. Eine zweite Vision, oder eher ein Wunsch, betrifft die Kassenzulassung der Pesso-Psychotherapie. Meiner Ansicht nach könnte das in Deutschland unter dem Dach der Verhaltenstherapie geschehen. Ich pflege manchmal scherzhaft zu sagen: Pesso-Arbeit ist eine tiefergehende Form der kognitiven Verhaltenstherapie.

PBSP IN DER EINZEL-PSYCHOTHERAPIE
- VORZÜGE UND GRENZEN

INTERVIEW MIT ALBERT PESSO
EINLEITUNG UND INTERVIEW MARTIN DORMANN

Aus P E S S O BULLETIN Nr. 9/ 2003 Seite 6-8 

Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum die Pesso-Psychotherapie oder Elemente von ihr zwar häufig in der Einzel-Psychotherapie zur Anwendung kommen, dass sie im Ganzen aber doch nicht selbstverständlich als Einzel-Psychotherapie gilt.

Eine Methode, die im Schoss der Gruppe entstanden ist

Die Pesso-Psychotherapie wurde von ihren Begründern im Rahmen von Gruppen (mit professionellen Tänzern) "entdeckt", in denen es um emotionale Bewegung, die dem Körper innewohnt, und um ihre Befreiung durch zufrieden stellende Interaktion ging. Sie wurde von Anfang an als eine Form von Einzel-Psychotherapie in der Gruppe entwickelt, gleichzeitig auch als ein Modell der seelischen Entwicklung: Der Entfaltung des Wahren Selbst liegt genügend befriedigende Interaktion mit rechtzeitig willkommen heißenden Bezugspersonen zugrunde, und die Entstehung von seelischen Störungen und Traumata wird aus Lücken in diesen prägenden Grunderfahrungen verstanden (sowie aus den Formen der Lebensführung, die sich die Person ersatzweise angeeignet hat). Die Herstellung korrigierender heilsamer Erfahrungen erfordert im Therapie-Verständnis von Albert und Diane Pesso eine über die verbale Ebene der therapeutischen Arbeitsbeziehung hinausgehende konkrete (sinnenhafte) Erfahrung in Interaktion mit Figuren in einem klar definierten Dort-und-damals.

Die Gruppe ist in der Pesso-Arbeit deshalb so wichtig (und in bestimmten Bereichen unentbehr-lich), weil sie jene besondere Art von Rollenspiel er-möglicht, welche innere Szenen zu äußeren werden lässt und die entsprechenden symbolischen Räume und Zeiten entstehen lässt. Die Psychomotorischen Inszenierungen hätten wohl nicht zu diesem hochpräzisen Instrument der Rekonstruktion individueller Lebensgeschichte und der Evokation und Herstellung von besser passenden neuen "Erinnerungen" entwickelt werden können, wenn es die Möglichkeit einer wandelbaren äußeren Bühne als Symbolträger nicht gegeben hätte, wie sie sich in der Gruppe ausgestalten lässt.

Dass die Gruppe der bevorzugte Rahmen zur Errichtung der Possibility Sphere ist, ist unbestritten. Dennoch sind alle Autoren, die zum Thema etwas geschrieben haben - Albert Pesso mit eingeschlossen - überzeugt, dass PBSP in ihren Grundzügen auch in der Einzel-Psychotherapie zur Anwendung kommen kann und dort ihre Vorzüge sehr wohl entfaltet, auch wenn Objekte an die Stelle von lebendigen Rollenspielern treten. In neuerer Zeit hat Pesso neben dem mit Gruppenmitgliedern besetzten Rollenspiel und dessen Stellvertretung durch Objekte noch eine dritte Form der Inszenierung entwickelt, die bis anhin den Stimmen im Microtracking vorbehalten war: das Hinausverlegen der vor dem innern Bildschirm erblickten Figuren in den äußeren Raum, sozusagen in die Luft, ohne Verwendung irgendwelcher Rollenträger. Dieses gleichzeitige Anwesend-machen der inneren Szene auch im äußeren Raum wird vom Körper im Grunde genommen ständig praktiziert. Die inneren Figuren müssen aber in einem bewussten Schritt externalisiert werden, damit sie als Struktur-Figuren erlebbar werden (siehe Interview mit Albert Pesso S. 7).

Einige Vorzüge von Psychomotorischer Körper-Psychotherapie, welche ich als Pessotherapeut auch im Einzelsetting nicht missen möchte, sind zum Beispiel 

(1) die Zusammenarbeit mit dem Piloten (dem Erfahrungen auswertenden Ich des Klienten). Er übernimmt im Verlauf der Sitzung wesentliche Aufgaben der Regieführung in der szenischen Arbeit.

(2) Microtracking erlaubt eine sofortige Fokussierung auf das für die Person emotional Wesentliche. Durch das Hinausverlegen der Wahren Szene in den Raum erhält die Person Einblick in ihre eigene Wahrnehmung der Gegenwart. Es stellt sich ein zunehmendes Bewusstsein über die Hintergründe des aktuellen emotionalen Dilemmas ein, weil durch die Externalisierung die (unbewusst ständig einfließende) Erinnerungsarbeit des Körpers erschlossen wird.

(3) Durch räumliche Inszenierung als Stimmen wird der kognitiv verhaltenssteuernde innere Dialog als Bestandteil einer geschichtlich gewachsenen Überlebensstrategie erlebbar. Ihr Ursprung in einer dahinter stehenden Erfahrungswelt wird sukzessive bewusst.

(4) Das Psychomotorische Rollenspiel öffnet einen ganz neuen Interventions-Bereich, eine symbolische Arena, in der es möglich ist, auf bedeutungsmäßig Vorhandenes, innerlich Erlebtes, das der Klient "in den Raum gestellt hat", einzutreten. Die sich öffnenden symbolischen Räume werden im wörtlichen Sinne begehbar, bis hin zu Erfahrungen mit symbolischen alternativen Figuren, die am Ursprung des Lebens idealerweise da gewesen wären.

(5) Die Klarheit der Psychomotorischen Inszenierung bietet Gewähr, dass die Befriedigung von Grundbedürfnissen nicht von der Realbeziehung mit dem Therapeuten erwartet, sondern die therapeutisch ausschlaggebende Symbolebene gefunden wird. Wegen der stärkeren Übertragung ist es in der Einzeltherapie (besonders Körpertherapie) noch wichtiger als in der Gruppe, die folgenden Ebenen auseinander zuhalten:

(a) die Wahre Szene (Wiederholung lebensgeschichtlich verletzender Interaktion innnerhalb gegenwärtiger Beziehungen),

(b) die zugrunde liegende Historische Szene,

(c) die Realbeziehung (Arbeitsebene mit dem Therapeuten, auch Trägerin der Übertragungen)und

(d) die Ebene der symbolischen Anwesenheit von Figuren, die es günstigerweise im Werde-gang der Person gegeben hätte (heilsame Interaktion, auf deren Grundlage sich das Wahre Selbst entfaltet).Durch den sicheren Rahmen dieser vier Kategorien von Szenen ist der Klient aufgefordert und ermutigt, alle seine Gefühle und Bedürfnisse aufkommen zu lassen und unter eigener Beteiligung an der Regie zu neuen Erfahrungen vorzustossen.

PBSP IN DER EINZEL-PSYCHOTHERAPIE

3 FRAGEN AN ALBERT PESSO

P E S S O BULLETIN: Worauf ist in der therapeutischen Einzelsituation besonders zu achten? 

Albert Pesso:
Ich erkläre immer wieder, wie wichtig es ist und wie vorzugehen ist, damit die korrektive Erfahrung die nötige Klarheit hat und wirklich gegenüber der therapeutischen Beziehung abgegrenzt ist. Es ist nämlich sehr gut erkennbar, wenn der Klient von seinen Szenen zur Beziehung zum Therapeuten hinüberwechselt. Geschieht dies an einem bestimmten Punkt in der Struktur, dann droht die Ebene der heilsamen Erfahrung verloren zu gehen, nämlich dann, wenn wir uns in Richtung Struktur-Bühne bewegen (wo der Klient zu sehen ist, wie wenn er sich in der Vergangenheit befinden würde). Der Klient, an einem schmerzlichen geschichtlichen Punkt angelangt, sagt vielleicht: "meine Mutter hat mich überhaupt nicht verstanden" oder "mein Vater hat mich nicht verstanden", und dann kann jener Übertragungs-Blick in seinen Augen auftauchen, der heißt, ".aber von diiir fühle ich mich total verstanden!" Schwupp - die Person hat einen Sprung gemacht und hat mich in ihre Struktur hineingebracht.

Es ist wichtig zu wissen, wie mit diesem Übertragungs-Blick umzugehen ist und wie man machen kann, dass er auf die Struktur gerichtet wird und nicht die Realbeziehung mit dem Therapeut als Lösung des Problems in Aussicht nimmt. Ich helfe dann, die Lösung durch die Figuren des Rollenspiels in Erfahrung zu bringen.

Ich richte mein Augenmerk also immer auch auf die therapeutische Beziehung und achte darauf, dass sie klar definiert bleibt. Ich weiß, wie verlockend es ist, die Beziehung selbst als Lösung aufzubauen, denn mit diesem Blick lieben sie dich so sehr. Und wenn ein Therapeut nicht weiß, was für eine Transfusion von königlicher Nahrung ihm da angeboten wird, wird er sie essen, davon dick werden und in seiner Persönlichkeit aus dem Gleichgewicht geraten. Therapeuten, welche die Lösung durch die Übertragung oder durch die Beziehung zu geben versuchen, werden entweder aufgeblasen oder ausgebrannt, weil sie sich überfordern und aussaugen lassen. Wichtig ist deshalb die Erkenntnis, dass die Arbeit auf der richtigen Ebene stattfinden muss.

P E S S O BULLETIN: Wie kann ohne Rollenspieler psychomotorisch gearbeitet werden?

Albert Pesso:Immer mehr Ausbildungsteilnehmer arbeiten mit PBSP in der Einzeltherapie und haben unter Umständen überhaupt keine Gruppe. Deshalb habe ich diesem Thema in letzter Zeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Ich lehre sie, Inszenierungen mit Figuren in der Luft zu machen, das heißt den Raum an sich zu dramatisieren. Das Vorgehen ist vergleichbar mit geführten Phantasien, aber es sind Strukturen, weil körperlich- räumlich inszeniert wird. Der Therapeut achtet auf den Gesichtsausdruck, macht Microtracking und beobachtet - nehmen wir als Beispiel, wie Du vorhin von deiner Tochter erzählt hast - wie Dein Gesicht aufleuchtet, wenn Du an sie denkst. Das heißt: sobald wir jemanden vor unserem inneren Auge sehen - und wir nennen das Bildschirm 2 - sobald wir jemanden auf irgendeinem "Bildschirm" sehen, sei es in der Realität oder vor unserem geistigen Auge, stellt sich unser Körper darauf ein und bereitet sich darauf vor. Wir haben also eine Veränderung im Körper. Die Zeugenfigur würde dementsprechend sehen, wie bewegt Du bist, wie liebevoll Du fühlst, wenn Du an Deine Tochter denkst. und es ist jetzt gerade wieder sichtbar auf Deinem Gesicht.

Und dann würde ich sagen: "und jetzt stelle Deine Tochter, so wie Du sie innerlich siehst, außen im Raum auf! Das heißt, sie ist nicht nur irgendwie im Raum, sondern positioniere sie in einem räumlichen Verhältnis zu Dir im Raum. also: wo ist sie für Dich im Raum?" Jetzt sehe ich, dass Du es machst. Wir helfen also den Leuten, das Bild auf ihrem inneren Bildschirm zu gebrauchen und es hinaus zu verlegen, wie wenn die Person da wäre. Wir machen die Bilder räumlich, denn im inneren Theater in Deinem Kopf siehst Du es ja auch räumlich. Also verlange ich von Dir, es auch mit Deinem wirklichen Auge räumlich zu sehen.

Wir benötigen also gar nicht so sehr eine Rollenspielerin in dem Moment, denn in Deinem Kopf ist sie völlig da (Al zeigt auf die entsprechende Stelle im Raum). Allerdings müssen wir sicherstellen, dass es auch wirklich so ist, dass Du sie hier (außen) siehst. Von dem her, was auf Deinem Gesicht geschieht, kann man schließen, ob es emotional real ist oder nicht. Du nimmst auf der inneren Bühne wahr und gleichzeitig stellst Du es auf die äußere. Wenn Du nur auf der inneren Bühne schaust, hast Du einen andern Ausdruck im Gesicht. Die Externalisierung führt - mit oder ohne Rollenspieler - zum Erleben von Struktur-Figuren, zu einer "Bühnenbearbeitung" des inneren Theaters im Raum.

Der Gebrauch eines Symbols kann das Bild verstärken, aber das Objekt, das dann in die Rolle kommt, kann auch vom Inhalt ablenken, indem sich Objektmerkmale mit denjenigen der Figur vermischen, z.B. "oh ja, genau diese violette Qualität (des Kissens) hat sie (die Figur)", oder "sie ist viereckig" oder "sie ist weich".

Ich meine, ich kann eine Struktur leiten, indem ich den Klienten die Idee im Kopf haben lasse, in den Raum projizieren lasse, in ein Objekt oder in eine Person hineinlegen lasse. Ich lehre die Studierenden alle drei Vorgehensweisen, damit sie auswählen können, was gerade passend oder möglich ist oder vom Klienten bevorzugt wird.

P E S S O BULLETIN: Wie kann man die Akkommodation von Idealen Figuren gestalten ohne Rollenspieler?

Albert Pesso:Durch Aussprechen, was diese Figuren sagen oder tun. Die Berührung fällt weg. Das ist die Einschränkung. Wenn jemand braucht gehalten zu werden, kann man manchmal eine Wolldecke einsetzen. Aber wenn jemand eine Begrenzungserfahrung braucht, kann man nicht viel machen. Man kann nur ein Stück weit gehen. Gewisse andere Interaktionen sind ohne Berührung nicht machbar. Was der Therapeut "körperlich" hauptsächlich einsetzt, ist seine Stimme. Er sagt: " und jetzt sagt deine Tochter…" Aber ich stelle immer ein Präfix voran: "und jetzt sagt dein Vater…" Aber ich versuche meinen Körper draußen zu halten, denn einige der Menschen sind so sehr bereit, dich oder mich in der Realzeit als die Figur selbst zu nehmen. Auch wenn sich die Person in einer starken Verbindung mit der Figur befindet, würde ich zögern mehr als meine Hände zum Rollenspielen einzusetzen.

Die Person ist ja in diesem Moment in einem starken Bedürfnis, und es ist kein anderer Körper da. Andere Körpertherapeuten haben nur das Hier-und-jetzt. Da liebe ich es, die Klarheit von "Stages and screens" zu haben.

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